'Tradition und Moderne verpflichten'
Unser Artikel zum Projekt Landschaftspark Freiham
in der Rubrik Sichtachse
der Garten+Landschaft - Magazin für Landschaftsarchitektur und Stadtplanung März 2026 Garten + Landschaft
Sichtachse Garten + Landschaft S. 66-67
Prof. Cornelia Müller Jan Wehberg Tim Hagenhoff
Tradition und Moderne verpflichten
Partizipation und ein konstruktiver Planungsdialog zwischen allen beteiligten Akteuren stehen zu Recht ganz oben auf der politischen Agenda. Denn die Gestaltung des Umfelds, in dem wir leben wollen, ist eine gemeinschaftliche Aufgabe und zugleich ein Auftrag an kommende Generationen. Erst verbindliche Rahmenbedingungen in Planung und Realisierung ermöglichen das nachhaltige Gelingen herausragender Werke der Gartenkunst und Landschaftsarchitektur. Wettbewerbe und Juryentscheidungen sind dabei ebenso essenzielle Bestandteile wie eine vertrauensvolle und ehrliche Zusammenarbeit zwischen Auftraggebern und den Verfassern eines Werks. Umso bedauerlicher ist es, dass die großen Themen unserer Zeit allzu oft Lippenbekenntnisse bleiben und der faktenbasierte, inhaltliche Planungsdialog innerhalb politischer und administrativer Hierarchien nicht selten zur Farce verkommt.
Wie soll die Zukunft des Landschaftsparks Freiham gelingen, wenn bereits die Gegenwart spektakulär misslingt? Dabei ließe sich mit Zielstrebigkeit, politischem Willen, Professionalität und bürgerschaftlichem Engagement auch heute die Umsetzung prämierter Werke der Landschaftskunst erreichen! Stattdessen entsteht der Eindruck, man habe sich ins Misslingen verliebt: Bürger*innen werden mit unbegründeten, teils schleierhaften Behauptungen politischer Akteure scheinbar sachlich, tatsächlich jedoch irreführend konfrontiert.
Mit einer durch neue Versprechungen angereicherten Argumentation unternimmt es die Politik, eine über Jahre partizipativ entwickelte Planungslösung zu relativieren – eine Lösung, die von einer Fachjury gleich zweimal prämiert und über mehr als neun Jahre hinweg durch den Einsatz hoher finanzieller Mittel sowie durch die Arbeit von Fachbehörden, Architekt*innen, Berater*innen und Sachverständigen entwickelt wurde. Das Ergebnis des Wettbewerbs zum Landschaftspark Freiham droht damit verschwendet zu werden. Mit dem merkwürdigen Hinweis, die Coronapandemie stelle die Idee des Landschaftsparks „a priori“ infrage und lasse sie nicht mehr zeitgemäß erscheinen, soll die Realisierung um weitere Jahrzehnte verschoben und das Erreichte weitgehend unbegründet verworfen werden.
Die absurde Vorstellung, die an der Natur orientierte Konzeption der Landschaftsparks, wie sie von den großen Landschaftskünstlern des 18. Jahrhunderts entwickelt wurde, müsse heute einem behaupteten Zwang zur Modernisierung weichen, negiert zugleich Tradition und Moderne. Die Idee dessen, was einen Landschaftspark ausmacht, ist durch weltweit existierende Beispiele universell und zeitlos. Der „lange Atem“ früherer Gründer*innen, Hofgärtner*innen und Landschaftsarchitekt*innen steht für jahrzehntelange Verlässlichkeit, Resilienz und Nachhaltigkeit – selbst massive Krisen wie Krieg, Massenarmut oder Pandemien gaben keinen Anlass, die Grundidee des Landschaftsparks infrage zu stellen.
Die bestehenden Münchner Landschaftsgärten – etwa der Englische Garten, der Nymphenburger Park mit dem Hirschgarten, der Ostpark oder auch der Landschaftspark Riem – repräsentieren jeweils eine spezifische historische Epoche, die sich in ihrer Gestaltung widerspiegelt. Bis heute sind sie mit dem Bild des Landschaftsparks assoziiert und bieten Bürger*innen sowie Besucher*innen vielfältig nutzbare Freiräume. Sie ermöglichen Naturerlebnisse, fördern die Biodiversität, verbessern das Mikroklima und tragen wesentlich zur Identität ihres Umfelds bei. Veränderungen haben im Laufe der Zeit stattgefunden, doch die prägenden gestalterischen Essentials blieben erhalten, sind erlebbar und haben sich als resilient gegenüber den Herausforderungen wechselnder Epochen erwiesen.
Dem Versprechen, das die Landeshauptstadt München der Bevölkerung mit dem Wettbewerbsergebnis zum Landschaftspark Freiham gegeben hat, folgen nun neue Versprechungen, wiederholte Planungen und dauerhafte Interimslösungen. Es fehlt nicht an weiteren alternativen Konzepten, sondern am Mut zur Entscheidung und zur Realisierung des prämiert Besseren. Gefordert wäre Beständigkeit und Nachhaltigkeit des konzeptionellen Gerüsts, verbunden mit der selbstverständlichen Integration neuer Anforderungen im Zuge einer sukzessiven Umsetzung über einen langen Zeitraum.
Hier droht unserer Profession eine ernsthafte Gefahr: Politisch motivierte, opportunistische Entscheidungen untergraben das Fundament des fairen Wettbewerbs und gefährden das Wettbewerbswesen insgesamt – bis hin zu seiner Bedeutungslosigkeit.
“Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen".
Hermann Hesse
'Tradition and Modernity: A Commitment'
Our article on the Freiham Landscape Park project in the section 'Sichtachse' Garten+Landschaft p. 66-67
March 2026 Garten + Landschaft